Q&A
A collection of questions and answers from interviews with Karpi about Artificial Intelligence, Humor & Satire, and Personal topics.
Künstliche Intelligenz
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Wie definierst du die Grenzen zwischen menschlichem Humor und den Fähigkeiten von KI?
Karpi: «KI-Modelle wie ChatGPT sind notorisch schlecht darin, lustig zu sein. Humor bedingt Kontext und Überraschung – jeder Witz ist eine Abweichung von der Norm. KI-Modelle hingegen bauen auf Statistik auf und produzieren in erster Linie durchschnittliches Mittelmass. Aber je besser sie mit der echten Welt verwurzelt sind und je mehr sie ihre Fühler in unseren Alltag strecken, umso besser wird auch ihr Humor.»
2025
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Ihr Lieblingsprojekt ist, KI-Sprachmodellen Humor beizubringen. Warum sind diese derart humorlos?
Karpi: «Das ist tatsächlich ein erstaunlich schwieriges Vorhaben. KI-Modelle funktionieren wie eine Art Blackbox. Humor kann aber nicht in der Blackbox entstehen. Humor bedingt Kontext, Attitüde und auch einen gesellschaftlichen Rahmen. Humor muss atmen, ist lebendig. KI-Kreationen sind schnell mal tot, weil sie begrenzt oder berechenbar sind.»
SRG Deutschschweiz, 2024
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Künstliche Intelligenz spielt eine immer grössere Rolle in Kunst und Medien. Wo siehst du die grössten Chancen und Herausforderungen für Kreative?
Karpi: «Die Produktion eines Spielfilms war bisher ungemein teuer, was zur Folge hatte, dass nur Themen verfilmt wurden, die einer Mehrheit der Bevölkerung entsprachen. Mutige Stoffe von marginalisierten Stimmen kamen zu kurz. Dank generativer KI erhalten Einzelkünstler:innen die Werkzeuge, um ihre Ideen umzusetzen – und sind dabei weniger abhängig von Produktionen, Fernsehanstalten und Geldgeber:innen.»
2025
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Sind KIs wirklich intelligent?
Karpi: «Nein. Auch wenn vieles, was von Sprachmodellen und Bildgeneratoren produziert wird, intelligent wirkt, stecken dahinter nur statistische Abbilder unserer Welt. Dazu kommt, dass wir Menschen gerne Gefühle und Motivationen in Dinge hineinlesen, die keine haben. Natürlich werden die Maschinen immer intelligenter, aber zur Zeit ist der Begriff «Künstliche Intelligenz» eher ungünstig gewählt und führt den Diskurs in falsche Richtungen. Ich spreche lieber von «Künstlichem Mittelmass».»
2024
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Ist KI ein Hype?
Karpi: «Ja - aber nicht nur. Im Gegensatz zu den anderen Säuen, die in den letzten Jahren durchs globale Dorf getrieben wurden (wie der Bitcoin oder das Metaverse) hat KI tatsächlich Einfluss auf unseren Alltag. In der Forschung, der Medizin oder der Übersetzungsarbeit ist sie nicht mehr wegzudenken. Und die Entwicklung bleibt rasant - fast kein Bereich unseres Lebens wird in den nächsten Jahren nicht von ihr gestreift oder auf den Kopf gestellt. Aber wie jede grosse Transformation lockt auch diese Hochstapler:innen an. Sie wittern das schnelle Geld und versprechen ihren Kunden das Blaue vom Himmel. Und da vielen Firmen und Verwaltungen die KI-Kompetenz fehlt, fallen sie reihenweise auf diese Bauernfänger hinein. Die Medien tragen dazu bei, dass Künstliche Intelligenz im Wochentakt über- oder unterschätzt wird. Und dank den Algorithmen sozialer Netzwerke werden extreme Meinungen zu KI mehr verstärkt als gemässigte.»
2024
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Wie polarisiert sind die Meinungen zu KI?
Karpi: «Sehr. Technophile Optimisten sehen in KI die Lösung aller gesellschaftlicher Probleme. Sie wittern Chancen für Demokratie, Freiheit und Gleichheit. In der strahlenden KI-Utopie kann Wohlstand gerecht verteilt werden. Und wenn Arbeit erstmal von Geld getrennt wird, haben wir alle mehr Zeit für Kunst, Kultur und Kindererziehung. Sogar den Klimawandel soll KI abwenden. Ganz anders sehen das die schwarzmalenden Zyniker:innen. Für sie ist KI lediglich ein weiteres Werkzeug der Ausbeutung und die nächste Stufe eines immer härter werdenden Kapitalismus'. KI erlaubt es Systemen, noch unmenschlichere Entscheidungen zu treffen und bestehende Machtstrukturen zu zementieren. Die Schere zwischen Arm und Reich kann wachsen und autokratische Staaten können dank KI ihre Bevölkerung noch lückenloser überwachen.»
2024
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Wird die Zukunft also utopisch oder dystopisch?
Karpi: «Weder noch. Wenn vergangenene Transformationen ein Indiz sind, wird die Zukunft irgendwas zwischen Utopie und Dystopie. Ein gelebter Kompromiss, den wir jetzt mitgestalten können. Die Frage ist dabei nicht, was Künstliche Intelligenz «kann», sondern was Künstliche Intelligenz «soll». Dabei sind weder die Hoffnungen noch die Ängste ganz unberechtigt - denn die Anwendungen des maschinellen Lernens wirken als Katalysator für fast alle Bereiche unseres Lebens. Gutes wird besser und Schlechtes wird schlechter. Die Betriebstemperatur des Alltags steigt.»
2024
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Welche Arbeit soll von Maschinen erledigt werden?
Karpi: «Rational betrachtet gibt es Aufgaben, die Maschinen besser können als Menschen - dort macht ihr Einsatz absolut Sinn. Bei der Entwicklung von Impfstoffen oder Antibiotika leisten KI-Modelle Arbeit, die von Menschen nicht oder nur viel langsamer geleistet werden kann. Das grösste Argument für selbstfahrende Autos ist zum Beispiel nicht, dass Maschinen so gut autofahren können - sondern dass wir Menschen es so schlecht können. Menschen sind notorisch schlechte Autofahrer, was die Unfallstatistik jedes Jahr aufs Neue belegt. Doch bis wir selbstfahrenden Autos wirklich vertrauen, ist's noch ein langer Weg. Das hat auch mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun: Der Unfall eines selbstfahrenden Autos kommt auf die Titelseite, der Unfall eines angetrunkenen Fahrers nicht. Grosses Potential hat KI in Bereichen, die den ärmsten der Bevölkerung bisher verschlossen blieben. Ein Kind aus einer bildungsfernen Familie kann schon heute dank ChatGPT auf eigene Faust Themen und Inhalte recherchieren, zu denen es sonst nur erschwert Zugriff hat. Auch bieten Sprachmodelle eine erste Anlaufstelle für juristischen oder medizinischen Rat. Obschon diese Modelle noch primitiv und fehlerhaft sind, ermöglichen sie Bürger:innen aller Einkommensschichten mehr Mündigkeit und Selbstbestimmung.»
2024
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Welche Arbeit dürfen wir den Maschinen nicht überlassen?
Karpi: «Kritisch wird es, wenn wir Künstliche Intelligenz benutzen, um Entscheidungen zu fällen. Ob bei der Kriegsführung, Überwachungssystemen oder als Werkzeug um eine freie Stelle zu besetzen: Selbst wenn die KI nur beratende Funktion hat, besteht die Gefahr, das sich durch sie alte Vorurteile in den Entscheidungsprozess einschleichen. KIs sind immer nur so gut, wie die Daten, mit der sie gefüttert wurden. Wenn der Datensatz rassistisch und sexistisch ist, werden auch die Modelle dieses Weltbild teilen. Jedes System, dass KI zur Entscheidungsfindung einsetzt, muss so gestaltet werden, dass die entscheidende Person transparent und gewissenhaft die Algorithmen überprüfen kann.»
2024
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Kann ich Fotos noch trauen?
Karpi: «Das konnte man noch nie. Seit es Fotos gibt, wurden sie manipuliert und für Desinformation eingesetzt. Was sich aber mit KI geändert hat, ist die Einfachheit mit der solche Bilder manipuliert oder erstellt werden können. Wofür man früher noch Geld, Zeit und Handwerk benötigte, geht heute automatisch. Statt einem gefälschten Foto, können nun auf Knopfdruck hunderte gefälschte Videos erstellt und auf Zielgruppen angepasst werden. KI-Fotos lassen sich schon heute nicht mehr zuverlässig von echten unterscheiden. Was bisher galt, gilt nun noch mehr: Bei jedem Foto, bei jedem Video müssen wir uns fragen, wer es publiziert hat und was für Interessen die Person dabei verfolgt.»
2024
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Welche Textsorten beherrscht die KI am besten?
Karpi: «Am besten schreibt die KI Texte, die viel Fachjargon und wenig Substanz enthalten. Kurz: Bullshit-Texte wie Stellenausschreibungen, Förderdossiers oder Ausstellungstexte. Sobald die Form wichtiger ist als der Inhalt brilliert das Sprachmodell. ChatGPT kann aus zum Beispiel aus zwei Sätzen eine lange professionell-klingende Email erstellen. Mein Gegenüber empfängt diese Mail und kann dank ChatGPT den Text wieder auf zwei klare Sätze kürzen. Die Effiizienzsteigerung ist enorm.»
2024
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Laut deiner Prognose wird man in ein paar Jahren nicht mehr von Firmen, sondern von Datensätzen sprechen, die man transparent machen muss. Was heisst das?
Karpi: «In ein paar Jahren werden wir nicht mehr von einzelnen Firmen wie ChatGPT, OpenAI oder Microsoft sprechen, sondern von den zugrunde liegenden Datensätzen. Denn das ist KI: komprimiertes, statistisches Wissen. Entscheidend ist also, mit welchen Daten diese Modelle trainiert wurden – mit welchen Archiven, oder sogar privaten Daten. Wir müssen ein Auge darauf haben und, wenn nötig, regulieren.»
Baseljetzt, 2024
Humor & Satire
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Welchen Stellenwert hat Humor in Deinem Leben?
Karpi: «Er ist essentiell. Die Welt macht für mich nur humoristisch Sinn. Ich hangle mich von einem Witz zum nächsten und versuche so, den Tag hinter mich zu bringen.»
Source: SRG Deutschschweiz, 2017
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Wie würdest Du Comedy und Satire voneinander abgrenzen?
Karpi: «Der Schutz von Satire ist gesetzlich verankert, und juristisch gesehen ‹darf› man als Satiriker mehr [...] Interessanterweise wurden wir in den Medien immer als Comedy-Sendung betitelt, bis nach ‹Switzerland Second›, da waren wir plötzlich Satiriker. [...] Die wenigsten nennen sich Satiriker – wer ehrlich genug ist, nennt sich Clown und tut das mit Stolz.»
Source: SRG Deutschschweiz, 2017
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Was darf Satire denn?
Karpi: «Ich finde ‹dürfen› nicht das richtige Wort, sondern bevorzuge ‹soll›. Jede:r Komiker:in muss selber schauen, was er soll und was nicht. Für mich verliert eine Sache ihren Reiz, sobald man sich darüber geeinigt hat, dass es lustig ist.»
Source: SRG Deutschschweiz, 2017
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Sie waren Miterfinder der Late-Night Show «Deville». Wieso haben sie sie im Mai 2020 verlassen?
Karpi: «Das SRF hat uns so lange das Budget gekürzt, bis die Arbeit keinen Spass mehr gemacht hat.»
Source: Blick, 2020
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Wie stark haben die Sparmassnahmen die Sendung betroffen?
Karpi: «Die letzte Sparrunde hat unserer Sendung so fest ins Fleisch geschnitten, dass ich in meiner Funktion als Regisseur und Headwriter keinen Weg gesehen habe, weiterhin eine gute Sendung zu machen und gleichzeitig faire Löhne zu ermöglichen.»
Source: Blick, 2020
Persönliches
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Wie wird ein Satiriker und Filmproduzent Dozent und Experte für KI?
Karpi: «Ich bin mit Robotern, Maschinen und Computern aufgewachsen; meine Mutter ist Informatikerin. In der Öffentlichkeit kannte man mich bisher vor allem als Satiriker und Künstler... Früher war es ein Hobby, jetzt ist es ein Beruf. Bis vor drei Jahren war das Thema nicht präsent, die Leute haben quasi den Raum verlassen, wenn ich angefangen habe über KI zu sprechen. Meine Begeisterung für die Technologie wurde damals noch als Spleen abgetan, jetzt wollen die Menschen mehr wissen.»
Neue Fricktaler Zeitung, 2024
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Wo sind Sie Durchschnittsschweizer?
Karpi: «Typisch schweizerisch an mir ist meine Harmoniesucht, meine Skepsis gegenüber Autoritäten und meine Liebe zu Milchprodukten. Unschweizerisch ist mein Humor, mein Angstfreiheit und mein akzentfreies Hochdeutsch.»
Schweizer Illustrierte, 2023
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Welche Wahl lag Ihnen am Herzen?
Karpi: «Die Abstimmung über den Vaterschaftsurlaub ging mir nah. Sie passierte kurz nach der Geburt unserer Tochter und ich spürte damals am eigenen Leib, wie wenig Verständnis unsere Gesellschaft für Familien aufbringt. Kinderkriegen in der Schweiz ist ein exklusives Hobby.»
2023
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Was würden Sie per sofort in der Bundesverfassung verankern?
Karpi: «Absolute Transparenz bei der Parteien- und Wahlkampffinanzierung. Und bedingungsloser Grundanstand.»
2023
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Hast Du Informatik studiert oder Mathematik?
Karpi: «Weder noch. Ich hab die Filmklasse an der Zürcher Hochschule der Künste besucht. Programmieren und meine KI-Expertise hab ich mir selber angeignet, bzw. von meiner Mutter (einer Informatikerin) in die Wiege gelegt bekommen.»
2025
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Wieviel Jobs hast Du eigentlich?
Karpi «Derzeit sind es 9 (Autor, Regisseur, Produzent, Dozent, Kameramann, Editor, Animator, Stand-up Komiker & Programmierer) und alle zwei Jahre kommt ein neuer Job dazu. Dank meinem ADHS bin ich in erster Linie von Langeweile getrieben und suche mir alle zwei Jahre ein neues Steckenpferd.»
2025
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Kann man Dich buchen?
Ja, ich halte Keynotes auf Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch und moderiere Events und Award-Shows. Am besten schreiben sie Anna Engler eine Mail, sie macht mein Management: booking@atelieer.ch
2025